Matthias Gaebel


1970 - 2052




Portrait

Das Leben kaum eines Künstlers hat die Phantasie seiner Zeitgenossen so sehr beschäftigt wie das Matthias Gaebels.

Schon an seine Geburt knüpfen sich Legenden. So hatte die Hebamme Gaebel erst für die Nachgeburt seines Zwillingsbruders gehalten und ihn achtlos in den Abfall geworfen. Erst die Geistesgegenwart Don Herberts, eines Schwippschwagers und begabten Hobbyveterinärs, rettete das Kind vor dem Verzehr durch das Hausschwein der Familie. Seine Methode war dabei ebenso einfach wie wirkungsvoll: Er hauchte dem späteren Genie seinen knoblauchgeschwängerten Atem ins Gesicht, worauf sich der kleine Matthias übergeben mußte.

Dies war gleichzeitig die Geburtsstunde einer neuen, revolutionären Kunstrichtung, deren profiliertester Vertreter Gaebel wurde, des Vomizismus (Abb.3), «einer Malerei aus dem Bauch heraus» (W. Koschatzky).


Die Leinwand wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. So war schon sein Vater (Abb.4) ein erfolgreicher Maler und Anstreicher. Als dieser seinen Sohn einmal die Ecken einer Wand nachpinseln ließ, gelang ihm das so lebendig, daß ihm der Vater sein Handwerkszeug übergab und seitdem nie mehr malte.

Gaebels künstlerische Laufbahn war damit vorgegeben. Er studierte an den bedeutendsten Kunsthochschulen die Aufnahmebedingungen, und wurde von den traditionsreichsten Akademien abgelehnt.

Davon ließ er sich allerdings nicht beeindrucken. Da er sich bewußt war, daß die Kunstwelt seiner bedurfte, begann er seine Malerei autodidaktisch zu perfektionieren. Anfangs tat er dies wie Generationen von Künstlern vor ihm: Er ging in die Museen und kopierte dort die alten Meister (Abb.5).

Schon bald aber löste er sich von seinen Vorbildern und machte sich auf den beschwerlichen Weg zu einem eigenen Stil. So folgte auf die Rosa Periode (Abb.6) mit ihrer «lumineszenten Konspikuität» — so ein bekannter Kunsthistoriker, der verständlicherweise nicht genannt werden will — die Mauve-aquamarin-gestreifte-mit-orangenen-Punkten (Abb.7).

In dieser Zeit war Gaebel dem Wahnsinn erschreckend nah. Seine Biographen berichten von einem bezeichnenden Vorfall: "In einem Anfall hysterischer Schizophrenie schnitt er sich eines Nachts ein Stück vom linken Daumennagel ab, wickelte es in Butterbrotpapier und ging damit zur Bahnhofsmission, um es dort einer Schwester zu übergeben."

Diese Zustände darf man aber nicht allein mit der künstlerischen Raserei eines verkannten Genies erklären, vielmehr müssen auch die äußerst ärmlichen Verhältnisse berücksichtigt werden, in denen Gaebel sein Dasein fristete.

Wie so viele große Künstler war auch er ständig in seiner Existenz bedroht. Zeit seines Lebens mußte er von den bescheidenen Zinseinnahmen leben, die ihm ein siebenstelliger Lotteriegewinn bescherte. Seine Bilder konnte er, wenn überhaupt, nur gegen Naturalien eintauschen. So mußte er einmal als Bezahlung für eine Druckgraphik ein gebrauchtes Sportflugzeug akzeptieren.

Aber vielleicht trieb ihn auch gerade diese materielle Not zu seinen «phantasmagorischen Fluchten in die orgiastischen Welten der Chromatik», wie es ein zeitgenössischer Kritiker formulierte, der sich später aus Scham über diese peinlichen Worte erhängt hat.


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10 MonateAbb.1
Bereits als Säugling prägte G. den Begriff "Weltschmerz"

2 JahreAbb.2
Im Alter von zwei Jahren quälte G. ungewöhnlich starker Bartwuchs

VomizismusAbb.3
Innerlichkeit II
Erbrochenes auf Teppichboden 1971
266 x 278 mm

Vater
Abb.4    G.s Vater

MickyAbb.5
Irrtum, Herr Kommissar!
Filzstift auf Papier 1989
33 x 34 mm

Eros IVAbb.6
Eros IV (Detail)
Zuckerwatte auf Käsekuchen 1991
365 x 365 mm

OdysseeAbb.7
Odyssee Erytheia
Öl auf Leinwand 1994
5087 x 4982 mm

GeburtshausAbb.8
G.s Geburtshaus; im Bild der Westflügel